Mittwoch, 7. Mai 2014

Die spinnen die Römer oder warum Kanalisationsdeckel und Abfallkübel politisieren

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste was es gibt auf der Welt…“ Wer kennt sie nicht diese Liedzeilen? In meinem Fall müsste ich aber „Eine Freundin, eine gute Freundin…“ singen. Mit Signore Pinella nach Italien zu ziehen, wurde mir durch eine Freundin – nennen wir sie doch einfach Signora Rossi – sehr erleichtert. Wir haben uns bereits vor ein paar Jahren bei der Arbeit kennen gelernt, als wir beide noch hochoffiziell der schreibenden Zunft angehörten und Italien für uns nichts als ein schönes Ferienland war. Jedenfalls ist Signora Rossi mit ihrem Mann nach Rom gezogen und ich mit meinem nach Florenz. Und um das noch kurz zu klären: Nein, wir haben keine feurigen Südländer geheiratet;)

Dank dieser glücklichen Fügung habe ich nun doch recht nahe eine Vertraute, der ich telefonieren und damit meine 250 Gratisgesprächsminuten bei meinem Italienischen Handy-Anbieter verbrauchen und die ich ab und zu in Rom besuchen kann. Gleichzeitig ist sie der Mensch, der nicht vor lauter Schreck erstarrt, wenn ich Italien einmal nicht so toll finde und mein Erstaunen, meine Freude und manchmal halt auch meine Überforderung oder meine Nostalgia verstehen kann. Bei meinem letzten Rombesuch habe ich ein paar Bilder für Euch liebe Leserinnen und Leser gemacht und die liebe Signora Rossi hat einen wunderbaren Text dazu geschrieben. Viel Vergnügen bei der Leküre!

Mitten – aber wirklich mitten – auf der Strasse parken, Kaffee in fingerhutgrossen Portionen trinken oder drei Stunden warten beim – wohl gemerkt vorreservierten – Friseurtermin: Da schüttelt der wohlerzogene, Latte Macchiato trinkende und stets pünktlich erscheinende Schweizer schon mal den Kopf und denkt sich: Die spinnen die Römer. So kann man in der Eidgenossenschaft auch nicht nachvollziehen, dass dauernd grundlos – vor allem nachts – Häuser- oder Autoalarme ertönen, fünf Tage ohne warmes Wasser mit einem Schulterzucken hingenommen oder in Abfalltonnen Glas, Pet und Aluminium gemeinsam gesammelt und später getrennt werden. Kopfschütteln.

Ebenso schütteln wir den Kopf beim Anblick des Kolosseums, des Forum Romanum oder des Pantheons. Dasselbe Unverständnis; anderer Grund: Staunen! Die spinnen, die Römer. Und das im wahrsten Sinne der Wortherkunft: Spinnen entwickelte sich aus „etwas ersinnen, ausdenken“. Und sie dachten sich schon vor über 2000 Jahren so einiges aus: Überdimensionale Palastanlagen, durch ausgeklügelte Techniken erbaut, Äquadukte die Rom zur ersten Stadt mit fliessendem Wasser machten oder gepflasterte Strassen durch ihr ganzes Reich von Grossbritannien bis ans Schwarze Meer. Kopfschütteln. Noch mehr, wenn man erfährt, dass die mühsam errichteten, prachtvollen Bauten nicht nur durch Naturgewalten zerstört, sondern von einfach zugänglichem Baumaterial suchenden Römern abgerissen wurden um über den Ruinen neue Gebäude  zu bauen – so auch Teile des Kolosseum. Die spinnen, die Römer. 


In allen Sinnen des Wortes haben Roms Oberhäupter, die Kaiser, gesponnen: Cäsar, der als Machtdemonstration eine über 400 Meter lange und neun Meter breite, 40 000 Soldaten tragende Brücke über den Rhein innerhalb von 10 Tagen errichten liess, um sie 18 Tage später – nach Erkundung des bis dahin unbekannten und unerreichbare Germanien – wieder abzubauen ebenso wie Nero, der die halbe Stadt nieder brannte um Baugrund für seinen überaus pompösen Palast zu generieren oder Augustus, der das Kolosseum fluten liess um Meerschlachten nachzustellen. Kopfschütteln.



Doch gerade dieser Grössenwahn und das vermeintliche Bewusstsein ihrer Überlegenheit machte die alten Römer zu den Legenden, die sie heute sind. Die Neuzeitlichen leben derweil teilweise zwar noch diese Arroganz, aber nicht mehr denselben Tatendrang... Der Witz, dass die Italiener so klein seien, weil ihre Eltern gesagt hätten, dass sie, wenn sie gross sind, arbeiten gehen müssten, scheint manchmal nicht allzu weit hergeholt.... Aber nochmals zum Naturell der Italiener, die gerne in Gedanken an die verflossenen guten alten Zeit leben: Noch heute stehen überall in der Stadt – auch auf den Kanalisationsdeckeln und Abfallkübeln – die Buchstaben S.P.Q.R. ausgeschrieben „Senatus Populusque Romanus“, was die Regierungsgewalt zwischen Senat und Volk illustrieren soll. Doch hinter vorgehaltener Hand werden die vier Buchstaben zu „sono pazzi questi romani“. Sie spinnen, diese Römer...


P.S. Vielen vielen Dank liebe Signora Rossi! Wer möchte ausser mir noch mehr von ihr lesen?                                                                                  
Herzlichst, Eure Signora Pinella

Kommentare:

  1. Ich war letztes Jahr in Rom, und sowas von enttäuscht.... Rom hat mich nicht fasziniert. Das wird wahrscheinlich nie was mit uns. Aber mit Siena!
    Lieben Dank für die Aufklärung übet die Inschrift! DAS hat uns nämlich wirklich interessiert :)
    Herzlichst
    yase

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  2. Mich würde interessieren, was euch gebissen hat, nach Italien zu ziehen ;-)! Das hält man doch höchstens für ein paar Ferientage aus :-). Meine Mama kommt aus Sizilien und würde freiwillig nicht zurückkehren. Ich war vor 6 Jahren zum letzten mal da und auch nur wegen der Hochzeit meines Onkels. Den Ärger hätte ich mir auch sparen können ;-). Aber das gehört irgendwie einfach zu Italien :-)! Wohnt ihr schon lange da?

    Danke für deine lieben Kommentare.
    Hab mich sehr darüber gefreut.

    Herzlichst
    Melanie

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    1. Liebe Melanie,

      ja Italien kann einem ganz schön herausfordern... Mich stimmt es manchmal sehr traurig, das ein Land, das eigentlich so schön ist und so viel bietet, vor so grossen politischen und ökonomischen Problemen steht. Sizilien ist wohl besonders schwierig. Ich habe mich letzthin ausführlich mit einem jungen sizilianischen Arzt darüber unterhalten, für den es dort fast nicht möglich ist zu arbeiten, obwohl er eine gute Ausbildung und sich sehr bemüht hat. Tragisch, wenn die Jungen Menschen dann in den Norden abwandern müssen. Aber auch verständlich!

      Für mich ist es "nur" ein Jahr, von dem die Hälfte auch schon fast um ist. Wir sind wegen der Ausbildung von meinem Mann hierher gezogen. Für mich war es die Chance, mein Auslandjahr, das ich während dem Studium verpasst habe, nachzuholen. Und ich war noch nie so dankbar für meine Heimat wie hier. Also hat es doch auch etwas Gutes. Und ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viele Interessante Menschen aus alles Welt getroffen wie hier.

      Liebe Grüsse aus dem Süden;)
      Signora Pinella

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